Kaiserhalle Reutlingen, 24.01.2009
Morgens mit `nem überaus vorfreudigen Gefühl aufgewacht und schon
um 11 aus den warmen Federn gehüpft. Erfreuliches war in erfreulicher
Vorfreude zu erwarten! Denn heute Abend soll es wieder passieren.
Menschen werden tanzen, singen, ihre verschwitzten Körper gegeneinander
werfen und alles nur wegen uns! Was kann es schöneres geben…
Das Beste an diesem vorfreudigen Ereignis ist, dass es in der
altehrwürdigen Kaiserhalle, vom Volksmund auch Kohla genannt, in
Reutlingen stattfindet. Wir haben echt lang und breit versucht dort zu
spielen und heute Abend soll es dann endlich soweit sein. Hab dann auch
den ganzen Mittag mit irgendwelchen unsinnigen Sachen verbracht, nur
damit die Zeit vergeht. Wie fernschauen, Gitarre putzen, essen, Gitarre
polieren, telefonieren und Gitarre bohnern. Ja ich mag meine Gitarre!
Irgendwann nach gefühlten 10 Stunden und einer blitzblanken Paula später
kam dann endlich der Herr Schneider mit seinem Angeber Automobil bei
mir an! Stolz präsentierte er dann der versammelten Horst-Familie seine
gestern brandneu erworbene schwarze Tele. Man muss dazu sagen, dass
Hannes, Gianni und ich gestern extra nach Karlsruhe in den Rockshop
gefahren sind, um diesen um eine Gitarre und einen Vox Amp zu
erleichtern. Jeder bereitet sich eben anders auf nen Gig vor! Nach
minutenlangem debattieren über Farbe, Klang und Sinn 10 Gitarren zu
besitzen wurde dann auch noch Auto gefahren und wir kamen etwa gegen 5
an den heiligen Hallen des Proberaums, auch liebevoll Tempel oder Basis
genannt, an. Die anderen 3 Pappnasen warteten natürlich schon und es
konnte sofort mit dem ungeliebten und Bandscheibenvorfälle
hervorrufenden Ausräumen, Einladen und über die richtige Einräumtechnik
debattieren, begonnen werden. Wie ich mich drauf freu, wenn wir
irgendwann mal berühmt sind. Dann haben wir ganz viele Roadies, die das
Einladen, Verkabeln und Abbauen mit einem Lächeln auf den Lippen
übernehmen und wir dann nur noch die Bühnen rocken und Hotel Zimmer
zerstören müssen… Wer auch ohne das wir berühmt sind für uns als Roadie
arbeiten will, soll sich hiermit ganz offiziell eingeladen fühlen sich
bei uns bewerben. Zahlen können wir euch dann aufgrund akutem
berühmtheits- Defiziten leider eher weniger, aber das ein oder andere
Bier springt vielleicht schon heraus. Wir freuen uns über jeden
Interessenten.
Nach dem das komplette Equipment in den DBS’schen Transit
geschleppt und festgezurrt wurde, fuhren wir los und kamen fast ohne uns
zu verfahren und nach kurzem Zwischenstopp bei einer
Billigsupermarkt-Kette an der Kaiserhalle an. Nach herzlicher Begrüßung
des Barmanns, der verwundert sagte, dass erst um 8 geöffnet ist und was
wir hier wollen, konnte nach der Ausderweltschaffung dieses
Missverständnisses damit begonnen werden, die Bühne aufzubauen. Dann ist
uns aufgefallen, dass wir wie immer tausend Sachen im Proberaum
vergessen haben und die Sänger-Diva und der mittelmäßige Sologitarrist
machten sich auf den Weg dieses Missgeschick zu beheben. Nur komisch,
dass die 2 eine geschlagene Stunde für die 2 km gebraucht haben. Da
sieht man mal wieder, welchen Stellenwert das Aufbauen bei uns hat.
Deswegen bewerben als Roadie, damit wir uns auf die wichtigen Dinge des
Rockstarlebens konzentrieren können.
Als die 2 Drückeberger dann gegen 7 Uhr wieder kamen, trafen unsre
Freunde und heutige Support Band Zielscheibe ein. Nach ekstatischen
Begrüßungsorgien begann dann auch unser Soundcheck und alle warn nach
kurzer Zeit zufrieden und es konnte endlich getrunken werden.
Nach dem Zielscheib’schen Soundgechecke sollte zum Flüssigen auch
noch Essbares dazukommen und man begab sich in die Innenstadt.
Wir hatten echt ein richtig gutes Gefühl, dass es richtig voll
wird. Haben wir doch schon im Vorverkauf sensationelle 20 Tickets an die
Frau und auch den ein oder anderen willigen Mann gebracht. Aber was wir
dann nach 2 Pizzas und 3 Dönern im Kohla antrafen, übertraf all unsere
kühnsten Träume. Da standen, saßen und lehnten doch tatsächlich fast 200
Leute in dem völlig überfüllten Raum nur um uns 5 Flitzpiepen zu sehen.
Die Welt ist schon verrückt!
Um 9 legten dann Zielscheibe los und brachten das gut abgehende
Publikum schon auf Betriebstemperatur. Und da war sie wieder, die
Vorfreude, welche sich aber nach dem letzten Ton der Jungs aus
Wendlingen schlagartig in Anspannung verwandelte. Nach letzten
jogaähnlichen Dehnübungen lief dann das Intro und wir stürmten die
Bühne. Alles war perfekt vorbereitet. Fast alles. Mir wurde nämlich 5
Sekunden vor dem Ende des Intros schlagartig bewusst dass meine Effekte
nicht mehr mit dem so essentiell wichtigen Strom durchflutet wurde. Ich
musste dann auf der Bühne robbend nach dem Fehler suchen und verpasste
natürlich voll den Einsatz. So musste Why dann eben ohne mein
unglaublich ausgefallenes Riff auskommen. Ich hoffe es verzeiht mir.
Trotz der kleinen Panne kamen die ersten Lieder echt richtig gut an,
sodass es vor der Bühne nur so von tanzenden Körpern wimmelte. Die haben
sich die Köpfe eingeschlagen, dass es eine Wonne war. Irgendwann meinte
der sichtlich angetrunkene und leicht angeknockte Sänger mit
italienischem Migrationshintergrund in dritter Generation, dass die
nächsten Lieder alle ruhig werden und der geeignete Moment, seine Kehlen
mit nem Bier zu befeuchten, jetzt gekommen sei. Die Tragweite dieser
witzig gemeinten Ansage sollte uns erst später bewusst werden. Denn nach
den angekündigten Balladen merkten wir, dass so gut wie niemand mehr
vor der Bühne stand, an der Bar herrschte dafür Hochbetrieb. In Zukunft
sollte man seine Ansagen ein bisschen besser überdenken, denn es dauerte
bis zum letzten Lied bis sich die Massen wieder vor der Bühne
versammelten und zu unserer Freude den schönsten Pogo fabrizierten.
Unser heutiger Kassenwart und Edelfan Sebbe „der Gott“ brachte es sogar
fertig, sich ne schöne blutende Wunde am Rücken zuzufügen. Seine Eltern
dachten dann nachts er hatte ne Schlägerei und wollten ihm Hausarrest
aufbrummen.
Beim letzten Lied entschloss sich der leicht taumelnde Sänger dann
zum Stagedive anzusetzen. Nach seiner Rückkehr war er so erfreut über
das Gelingen, dass er sich spontan dazu entschied sein gesamtes Bier
über meine Effekte zu gießen. Hatte echt Angst wie die Hosen im neuen
Video zu enden…
Vor der letzten Zugabe namens Sunny Day beschloss der Sangesbarde
dann auch noch spontan seine Gitarre einen Halbton tiefer zu stimmen.
Die gute Rhythmusband erkannte diesen hinterlistigen Plan jedoch binnen
Sekunden und so konnte das Konzert ohne weitere Zwischenfälle zu Ende
gebracht werden.
Nach dem Konzert wurde dann noch mit den Fans bis zum bitteren Ende
gefeiert. Dieses bittre Ende sollte sich so darstellen, dass wir um 4
Uhr nachts zusammen mit Zielscheibe aus dem Backstageraum der Zelle
geworfen wurden, weil diese jetzt schließt. Fragt mich nicht wie wir da
hingekommen sind.
In diesem Sinne, danke Reutlingen für den geilen Abend und bis zum
nächsten Mal.
Beste Grüße Jan und die 4 Tenöre
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